Disability Studies

Da in meinen Texten der Begriff Disability Studies öfter vorkommt, soll er hier kurz erklärt werden. Der folgende Text stammt in Auszügen aus einem Vortrag, den ich Dezember 2012 gehalten habe. Wenn Sie noch mehr zum Thema wissen möchten, empfehle ich den Artikel (externer Link) von Köbsell, die zugleich auch eine der WegebereiterInnen der deutschen Disability Studies ist, und den Artikel von Rebecca Maskos über „Ableism“, den Sie hier (externer Link) finden.

Der Begriff „Disability Studies“ – abgekürzt mit DS – lässt sich sinngemäß mit „Barrierenforschung“ oder „Behinderungswissenschaft“ übersetzen. Disability Studies (DS) sind ein junger Wissenschaftszweig, der aus den sogenannten Krüppelbewegungen Ende der 70er Jahre im angloamerikanischen Raum entstanden ist. Im Zentrum steht das sogenannte soziale Modell, das davon ausgeht, dass Behinderung kein körperliches Merkmal ist, sondern von der Gesellschaft produziert wird. Drei Beispiele sollen es veranschaulichen:

  1. Blinde Menschen sind nicht aufgrund einer „Schädigung“ des Sehorgans behindert, sondern sie werden behindert, weil es keine taktilen Wegeleitsysteme auf den Straßen gibt.
  2. Menschen im Rollstuhl sind nicht aufgrund einer „Schädigung“ ihres Bewegungsapparats behin­dert, sondern sie werden behindert, weil der 200 kg schwere Elektrorollstuhl nicht in den Aufzug passt.
  3. Menschen mit Lernschwierigkeiten sind nicht aufgrund kognitiver Einschränkungen behindert, sondern werden behindert, indem ihnen Informationen in Leichter Sprache und leicht verständlichen Symbolen vorenthalten werden.

Es kann stark vereinfacht gesagt werden: Disability Studies wollen die Gesellschaft verändern bzw. verbes­sern, während das Individuum in seinem „So-Sein“ respektiert wird. Disability Studies leugnen nicht die Existenz von körperlichen „Schädigungen“. Vielmehr wenden sie sich dagegen, Menschen als „fehlerbehaftete Therapie- und Förderobjekte“ zu sehen. Somit sind DS eine kritische Disziplin, die alles, was sich gegen von Behinderung betroffene Men­schen richtet, in den Blick nimmt und dabei schonungslos Kritik übt.

Das „Leitziel“ der Disability Studies ist Inklusion. Inklusion zielt auf die Veränderung von Rahmenbedingungen, so dass alle Menschen – unabhängig von Behinderung, Alter, Geschlecht und anderen sozialen Merkma­len – gleichberechtigt teilhaben können. Das geschieht durch Abbau von sämtlichen baulichen und sozialen Barrieren.

Im Gegensatz steht dazu die Integration, die dem von Behinderung betroffenen Menschen durch spezielle Zusatzangebote helfen möchte. Zusätzlich möchte sie ihn durch Förder- und Therapiemaßnahmen soweit „optimieren“, so dass er der „Mehrheitsgesellschaft“ bestmög­lich angeglichen wird. Gelingt die „Optimierung“ nicht vollständig, muss er die weiterhin bestehenden Barrieren irgendwie überwinden.

Ein weiteres zentrales Merkmal der DS ist, dass die von Behinderung betroffenen Menschen die HauptakteurInnen sind. Das betrifft Lehre, Forschung, Wissenschaft, politische und sonstige Handlun­gen im Bereich der DS. Daraus leitet sich auch der Slogan der sogenannten Krüppelbewegungen ab: „Nichts über uns ohne uns!“

Ein Problem ist allerdings, dass viele selbstbetroffene Menschen aufgrund von Barrieren im Bildungsbereich den Weg in die Wissenschaft nicht schaffen oder dass sie schlichtweg als ArbeitnehmerInnen und sogar auch als Lehrende abgelehnt werden und daher in der Forschung bzw. Lehre deutlich unterrepräsentiert sind.

In der im Jahr 2002 gegründeten Organisation AGDS (Arbeitsgemeinschaft Disability Studies) wären selbstbetroffene Menschen mit akademischem Hintergrund vertreten. Abgesehen davon sollten Lehre und Forschung in Disability Studies nicht von irgendwelchen Bildungsabschlüssen abhängig sein. So sollten auch Menschen mit Lernschwierigkeiten mit geeigneter Assistenz durchaus lehrend und forschend tätig sein können.

Disability Studies haben es sich zur Aufgabe gemacht, gesellschaftliche Missstände auf­zudecken und die Gesellschaft zu einem Umdenken zu bewegen, das auf Ausbau der Barriere­freiheit sowie Teilhabe und Wertschätzung der von Behinderung betroffenen Menschen ausge­richtet ist. Gerade vor dem Hintergrund einer immer älter werdenden Gesellschaft sind die Fak­toren Barrierefreiheit und Selbstbestimmung wichtiger denn je.

Möchten Sie über Neuigkeiten aus dem Bereich der Disability Studies informiert werden? Dann besuchen Sie die Facebook-Seite „Disability Studies und Inklusion“.

Quellen:

Kellermann, Gudrun: Geschichte und Grundlagen der Disability Studies; Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung „Behinderung ohne Behinderte?! Perspektiven der Disability Studies“, Universität Hamburg, 15.10.2012, abrufbar unter http://www.zedis.uni-hamburg.de/www.zedis.uni-hamburg.de/wp-content/uploads/kellermann_15102012.pdf (PDF, Zugriff am 07.10.2013)

Köbsell, Swantje: Gegen Aussonderung – für Selbstvertretung: zur Geschichte der Behindertenbewegung in Deutschland, Universität Hamburg, 26.04.2006, abrufbar unter http://www.zedis.uni-hamburg.de/www.zedis.uni-hamburg.de/wp-content/uploads/2007/01/bewegungsgeschichte_kobsell.pdf (PDF, Zugriff am 07.10.2013)

Maskos, Rebecca: Was heißt Ableism? Überlegungen zu Behinderung und bürgerlicher Gesellschaft, erschienen in arranca, Dezember 2010, abrufbar unter http://arranca.org/43/was-heisst-ableism (Zugriff am 07.10.2013)

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