Brief einer Rollstuhlfahrerin an die Abellio-Bahn

Dieser Blogtext entstand aus einem Facebook-Eintrag von meiner Kollegin Nicole Andres, die bisher keinen eigenen Blog hat. Wir sind beide als wissenschaftliche Mitarbeiterinnen in einem bundesweiten Teilhabe- und Inklusionsforschungsprojekt tätig, arbeiten allerdings an unterschiedlichen Hochschulen.

Nicole ist im E-Rollstuhl unterwegs, wird dauerhaft beatmet und ist auf 24-Stunden-Assistenz angewiesen. Sie konnte sich ein weitestgehend selbstbestimmtes Leben erkämpfen, ist im Alltag aber immer wieder massiven Diskriminierungen ausgesetzt. So auch kürzlich, als sie nach einem Festivalbesuch mit der Abellio-Bahn unterwegs war. Den dort entstandenen Vorfall fand ich selbst so ungeheuerlich, dass ich Nicole vorschlug, ihre Erfahrungen in meinem Blog publik zu machen.

Vor zwei Wochen wollte Nicole mit ihren beiden Begleiterinnen nach einem Konzert in Bochum mit der Abelio-Bahn zurück nach Hagen fahren. Obwohl sie frühzeitig am Bahnsteig war, konnte sie nicht selbständig in den Zug einsteigen, da die sog. elektrische Spaltüberbrückung nicht ausgefahren wurde. Der Zugführer wurde durch die Begleiterinnen mehrfach darüber informiert, verweigerte ihnen aber aufgrund des hohen Fahrgastaufkommens, die Rampe auszufahren bzw. eine mobile Rampe auszulegen. Er verwies auf einen Zug, der eine Stunde später, sprich vor Mitternacht, fahren würde. Erst nach einem längeren heftigen Disput und dem Hinweis, dass Nicole auf ein Beatmungsgerät angewiesen war, welches bald Strom benötige, durfte sie mit ihren Begleiterinnen doch noch einsteigen. Nicole verfasste nach diesem Vorfall ein offizielles Beschwerdeschreiben an die Abellio-Bahn, das hier ungekürzt wiedergegeben wird:

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„Sehr geehrte Damen und Herren,

leider muss ich mich über das Verhalten eines Mitarbeiters Ihres Unternehmens beschweren, welcher mir am [Datum] die Fahrt mit der Abellio-Bahn verwehren wollte. Ich werde Ihnen die Situation im Folgenden schildern.

Ich bin rollstuhlpflichtig und über ein Beatmungsgerät dauerhaft beatmet, weshalb ich rund um die Uhr auf die Anwesenheit einer Intensivpflegekraft angewiesen bin, da jederzeit ein lebensbedrohlicher Zustand eintreten kann. Seit vielen Jahren fahre ich regelmäßig mit der Abellio-Bahn und war bisher immer sehr zufrieden mit den Mitarbeitern, die mir gern beim Ein- und Ausstieg behilflich waren.

Am [Datum] wollte ich nach einem schönen Abend bei [Name der Veranstaltung] mit der Bahn um 22:21 Uhr zurück nach Hagen fahren. Um einen möglichst stressfreien Einstieg zu gewährleisten, war ich mit meinen beiden Pflegekräften bereits ab 22:00 Uhr vor Ort. Als der Zug eintraf, stellten wir fest, dass die elektrische Stufe nicht ausfuhr, sodass mir der Einstieg mit meinem Elektrorollstuhl nicht möglich war. Während sich eine meiner Pflegekräfte auf den Weg machte, den Zugführer um Ausfuhr der Rampe zu bitten, ist es meiner anderen Begleitperson gelungen, die Menschenmassen vor dem ersten Abteil aufzuhalten, um mir als Rollstuhlfahrerin den Vortritt zu lassen.

Leider weigerte sich der Zugführer, mir mit einer Rampe beim Einstieg behilflich zu sein und erklärte, dass der Zug zu voll sei und ich stattdessen den nächsten Zug um 23:21 Uhr nehmen sollte. Nach dem ersten vergeblichen Gesprächsversuch machte sich die andere Pflegekraft auf den Weg. Auch sie wurde in ihren Worten unterbrochen und schließlich wurde ihr das Fenster vor der Nase verschlossen, als sie den Zugführer ebenfalls um Hilfe bat. Auch als sie erklärte, dass ich mit einem Beatmungsgerät versorgt werde und dringend Strom benötige, sodass ich nicht mehrere Stunden auf meine Rückfahrt nach Hause warten kann, wurde sie zunächst abgewimmelt.

Nach minutenlangen Diskussionen, die ein längeres Aufhalten der vielen Menschen verständlicherweise unmöglich machten (sie hatten Sorge, der Zug würde ohne sie losfahren, da dieser die Türen verschloss und sich abfahrbereit zeigte), machte sich der Zugbegleiter auf den Weg zu uns. Nachdem wir auch ihm erklärten, dass ich aufgrund meiner Beatmungssituation nicht bis Mitternacht auf andere Züge warten kann, zeigte er sich im Vergleich zum Zugführer bereit, uns zu unterstützen. Leider wusste er keine Lösung, da der Zug aufgrund der langen Diskussionen inzwischen voller Menschen war. Erst nachdem meine Pflegekraft die Fahrgäste bat, im Zug etwas aufzurücken, konnte ich zusteigen. Außerdem musste meine Pflegekraft zeigen, wo sich die mobile Rampe befindet und wie er diese am besten hinlegen könne. Die Abfahrtszeit verzögerte sich weiterhin um wenige Minuten. Leider waren trotz der zu erwartenden Menschenmassen alle Fenster verschlossen, sodass akuter Sauerstoffmangel herrschte. Einzelne Fahrgäste mussten daraufhin den Zug verlassen. Während der Fahrt kam es zudem zu Schwierigkeiten mit den Türen, die sich nicht mehr öffnen ließen, was wiederum zu einem ca. 10-minütigen lauten Daueralarm führte.

Nachdem sich die Lage mit Ausstieg einiger Menschen etwas entspannt hatte, führten wir ein sehr freundliches Gespräch mit dem Zugbegleiter, der sich für die Schwierigkeiten (mit dem Zugführer) entschuldigte und mir freundlich beim Ausstieg half. Ich kam schließlich sicher, aber voller Ärger nach Hause.

Wie kann es sein, dass mir aufgrund meines Rollstuhls die Mitfahrt aus absurden Gründen verweigert wird, wenn ich mehrfach und vor allem rechtzeitig um Hilfe beim Einstieg bitte? Der Zug war zu diesem Zeitpunkt noch nicht voll, da wir die Menschen lange Zeit aufhalten konnten.

Bedeutet dieses Erlebnis, dass ich als Rollstuhlfahrerin nicht mehr zu Festivals und Konzerten gehen darf, da ich fürchten muss, dass ich aufgrund meiner Angewiesenheit auf öffentliche Verkehrsmittel nicht mehr nach Hause komme? An dieser Stelle wäre noch anzumerken, dass ich mich rechtzeitig am Bahnsteig aufgehalten habe. Zudem wäre der nächste und vor allem letzte Zug um 23:21 Uhr vermutlich genauso bzw. noch voller gewesen, da die Konzerte noch liefen, als ich mich auf den Weg zum Bahnhof machte. Die Teilnahme an Großveranstaltungen verstehe ich als Verwirklichung meines Rechts auf Teilhabe, welches erheblich eingeschränkt wird, wenn ich fürchten muss, nicht mehr sicher nach Hause zu kommen.

Darüber hinaus ist es unglaublich, jegliche Hilfe verwehrt zu bekommen, wenn die verantwortlichen Mitarbeiter darauf hingewiesen werden, dass ich beatmungspflichtig bin und in lebensbedrohliche Schwierigkeiten kommen kann, wenn meine Rückfahrt nicht in einer gewissen Zeit sichergestellt werden kann. Im schlimmsten Fall könnte hier von unterlassener Hilfeleistung die Rede sein. Ich bin sehr dankbar dafür, dass der Zugbegleiter die Lage erkannt hat und bemüht war, richtig zu reagieren.

Ich möchte Sie daher um Stellungnahme zu den Vorkommnissen vom 17.07.16 bitten. Bitte führen Sie nicht an, der Zug sei zu voll gewesen, da dies wie oben geschildert nicht der Wahrheit entspricht.

Mit freundlichen Grüßen,

Nicole Andres“

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Einige Tage später erhielt sie die sehr ernüchternde Stellungnahme des Beschwerdemanagements:

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„Sehr geehrte Frau Andres,

Ihren Brief haben wir inzwischen auch erhalten.

Aus Sicht unserer Mitarbeiter ergibt sich folgender Sachverhalt:

Durch das Event [Name der Veranstaltung] kam es zu sehr hohem Fahrgastaufkommen mit mehreren Stresssituationen bedingt durch alkoholisierte Fahrgaste mit Eskalationspotenzial. Sowohl unser Triebfahrzeugführer als auch unser Kundenbetreuer haben mehrere Situationen vorbildlich gelöst und sich anschließend um die Hilfe für Ihren Einstieg in den Zug gekümmert. Unser Zug hatte einen Aufenthalt von ca. 17 Minuten am Bahnsteig, aufgrund des hohen Fahrgastaufkommens. Während dieser Zeit war die Spaltüberbrückung ausgefahren. Nach Einschätzung unserer Mitarbeiter hat Ihr Rollstuhl zu kleine Räder und kann nur per Rampe in den Zug einfahren.

Wir bedauern, dass bei Ihnen der Eindruck entstanden ist,  Ihnen werde die Zugfahrt verweigert. Wir versichern Ihnen, dass Fahrgäste mit Behinderungen für die Abellio Rail NRW eine bedeutende Kundengruppe darstellt, bitten allerdings um Ihr Verständnis, dass es situationsbedingt nicht möglich war, sich umgehend um Ihr Anliegen zu kümmern.

Wir bedauern die Ihnen entstandenen Unannehmlichkeiten und hoffen, dass Sie uns und der Schiene treu bleiben werden.

Für weitere Fragen stehen wir Ihnen rund um die Uhr unter der Telefonnummer xxxx (kostenfrei) zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen“

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Nicole stellt hierzu fest:

  1. Die Spaltüberbrückung wurde definitiv nicht ausgefahren. Wäre das der Fall gewesen, hätte sie ohne zusätzliche Rampe einsteigen können.
  2. Es war kein „Eindruck“, dass ihr die Zugfahrt verweigert werden sollte. Ihr wurde mit vollem Bewusstsein vom Zugfahrer die Unterstützung beim Einsteigen verweigert. Das können die beiden Begleitpersonen von Nicole, die erst nach ihrem vehementen Einsatz das Auslegen einer mobilen Rampe erwirken konnten, bestätigen.

Meine Meinung dazu:

Es macht mich fassungslos, wie respektlos mit einem Menschen, der einen Rollstuhl nutzt, umgegangen wird, obwohl er frühzeitig am Bahnsteig war und auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen ist.

Es müsste jedem als Zugpersonal arbeitenden Menschen bekannt sein, dass Bahnfahrten für mobilitätseingeschränkte Menschen, die auf externe Unterstützung angewiesen sind, mit einem deutlich höherem Planungsaufwand einhergehen. Auch sind die Auswahlmöglichkeiten an Fahrverbindungen eingeschränkt, weil viele Bahnhöfe und Züge nach wie vor nicht barrierefrei ausgestattet sind. Sehr betroffen macht es mich, dass der Hinweis auf das lebensnotwendige Beatmungsgerät, welches bald wieder Strom benötigte, zuerst ignoriert wurde.

Wir hoffen, mit diesem Blogtext viele Menschen und vor allem jene, die im öffentlichen Dienst und Personennahverkehr tätig sind, zu erreichen. Wir fordern, dass Barrieren so gering wie möglich gehalten werden und dass den Menschen, die auf Unterstützung angewiesen sind, mit Respekt begegnet wird.

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