Ableism* in Cartoons

Nach langer Zeit gibt es wieder mal einen – diesmal eher kurzen – Blogtext von mir. Danach wird die Blogpause fortgesetzt. 😉

Ich wurde auf einen Cartoon von Wulff und Morgenthaler aufmerksam, einem dänischen Duo, wo ich vergeblich den Witz suche.

Der Cartoon ist hier hier zu sehen. In der rechten Bildhälfte ist eine Demonstration von behinderten Menschen zu sehen, dargestellt durch vier Menschen, die alle einen Rollstuhl nutzen. Sie halten Schilder hoch, auf dem ersten ist zu lesen: „Die Gemeinde schuldet uns Sex!“, auf dem zweiten „Gebt uns Befriedigung!“, und auf dem dritten steht: „Wir wollen öffentlich bezahlte Sexpartner!“ In der linken Bildhälfte steht ein Herr im Anzug vor einem Gebäude, das die Aufschrift „Rathaus“ trägt. Der Herr blickt mit neutralem Gesicht auf die demonstrierenden Menschen. Der Cartoon hat den Untertitel: „Etwas, was man nur im Sozialstaat erlebt“.

Dass Zeitungs- und Fernsehberichte durch ihre Sprache behinderte Menschen diskriminieren können, ist spätestens seit Leidmedien bekannt. Aber dass auch Cartoons ableistisch* wirken können, ist weniger bekannt.

Der Cartoon scheint nur auf den ersten Blick ein wichtiges Thema aufzugreifen, nämlich den Kampf um staatliche Unterstützung. Aber eine positive behindertenpolitische Absicht beinhaltete er nicht, wie der Untertitel „Etwas, was man nur im Sozialstaat erlebt“ verrät. Vielmehr suggeriert der Cartoon, dass behinderte Menschen als Sexualpartner_innen unattraktiv seien und geldgierig staatliche Leistungen fordern würden. So eine Darstellung ist mit Blick auf die Realität ableistisch.

In Deutschland dürfen behinderte Menschen, die auf umfassende persönliche Assistenz angewiesen sind, kein Einkommen und kein Vermögen über 2600 € haben, so dass sie sich nichts ansparen können, weder für einen Urlaub noch für das Alter. Dabei müssen sie genau Rechenschaft ablegen, wofür sie Assistenz benötigen, z.B. für die Zubereitung und Einnahme von Mahlzeiten, für die Körperpflege usw. Wie entwürdigend diese finanzielle (Maß)Regelung ist, beschreibt Raúl Krauthausen in einem Blogtext.

Seit längerem kämpfen behinderte Menschen um ein vermögens- und einkommensunabhängiges Bundesteilhabegesetz, das wohl zum Scheitern verurteilt ist, wie die Inklusionstage 2015 in Berlin offenbarten (Bericht von Franz Schmahl).

Die Cartoons von Wulff und Morgenthalter werden in mehreren Ländern veröffentlicht, u.a. auch in Deutschland. Wenn Medienvertreter_innen Cartoons zu Minoritätengruppen veröffentlichen, täten sie gut dran, sich erst mal über die Situation der betroffenen Menschen zu informieren und die eigene Haltung dazu selbstkritisch zu reflektieren.

Gute Cartoons zum Thema Behinderung gibt es z.B. von Philipp Hubbe, der Multiple Sklerose hat und die Situation von behinderten Menschen auf humorvolle und manchmal auch herrlich satirische Art und Weise darstellt. Eine Auswahl seiner Werke findet sich auf seiner Website. Seine Cartoons bewirken eher eine Bewusstseinsbildung, während andere – wie die von Wulff und Morgenthaler – kontraproduktiv für den Weg zu einer inklusiven Gesellschaft sind.

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* Ableism: Reduktion von Menschen auf ihre Fähigkeiten und Funktionen, in erster Linie auf behinderte Menschen bezogen; vergleichbar mit anderen Handlungen, die Menschen auf bestimmte soziale Merkmale reduzieren, z.B. Rassismus, Sexismus, Homophobie.

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Ein Gedanke zu „Ableism* in Cartoons

  1. … und da sind Treppen. ^^ Und so wie das Rathaus aussieht, ist es oldfashioned.

    Mir fallen bei dem Cartoon ganz andere Zusammenhänge ein. Zum Beispiel: Es gibt viele Menschen, die mit ihren Anliegen nicht wahrgenommen werden, obwohl sie sie äußern.

    Das Lustige an dem Cartoon: Sozialstaat wird als sozial verstanden, aber soziale Themen stören.

    Richtig lustig ist der Cartoon nicht, aber anregend.

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