Was schulische Inklusion ist und was sie nicht ist

Ich kann bei diesem vieldiskutierten Thema nicht länger still sitzen bleiben. Warum maßen sich immer mehr Menschen ein Urteil darüber an, wie schulische Inklusion funktionieren kann, wenn sie weder irgendwelche Erfahrungen im Bereich der schulischen Integration haben noch im persönlichen Alltag sich aktiv mit dem Thema Inklusion auseinandersetzen?

Pressemeldungen zeigen immer wieder, dass viele Menschen nach wie vor nicht verstanden haben, was „schulische Inklusion“ wirklich beinhaltet. Besonders ärgerlich ist es, wenn Journalist_innen ohne jede Erfahrung sich des Themas annehmen, darüber berichten und damit Fehlinformationen und Vorurteilen eine Plattform bieten.

Im Augenblick sorgt die Spiegel-Kolumne „Übergang in eine neue Welt“ von Jan Fleischhauer für Diskussionen, nach der der Journalist die Behauptung aufstellt, dass nicht alle Schüler_innen inkludierbar seien. Der polemische Schlusssatz lautet: „Die Frage ist damit, wer für die Durchsetzung der neuen Schulideologie den höheren Preis zahlt: die Kinder, die nicht mehr ungestört dem Unterricht folgen können, weil immer jemand Radau macht – oder die Kinder mit schweren Beeinträchtigungen, denen man jetzt spezielle Hilfe versagt?“ (Quelle)

Ein angenehmes Gegengewicht bietet das Interview in der ZEIT mit der Sonderpädagogin Ulrike Becker, die konkrete Beispiele bringt, wie Inklusion mit „schwierigen“ Schüler_innen durchaus gelingen kann (Quelle). Entscheidend ist ihre Aussage, dass nicht die Schüler_innen dem Schulsystem angepasst werden, sondern umgekehrt.

Was also ist schulische Inklusion? Ich vertrete eine Sichtweise, die manchen radikal erscheinen mag, aber Inklusion kennt kein „Wenn und Aber“. So sehe ich das:

Eine Schule, in der Inklusion stattfindet,

  • bringt alle Schüler_innen unabhängig von irgendwelchen sozialen Merkmalen unter ein Dach,
  • ist barrierefrei ausgestattet und barrierefrei gebaut,
  • bietet den unterrichtenden Lehrkräften vielfältige Formen der Unterstützung und Entlastung an,
  • passt das gesamte Schulleben und den Unterricht den Bedürfnissen der Schüler_innen an, z.B. durch technische Ausstattung, individualisiertes Lehrmaterial,
  • ermöglicht – falls nötig – wechselnde Lerngruppen und kleine Schulklassen,
  • hat neben den Klassenräumen zusätzliche Räume, die individuell genutzt werden können, z.B. als „Oasen“, in die sich etwa chronisch kranke Schüler_innen bei Bedarf zurückziehen können,
  • hat im Idealfall Lehrpersonal, das selbst von klein auf Inklusion erlebt hat und sie ebenfalls vorleben kann (ein Anspruch, der gegenwärtig noch nicht zu erfüllen ist) und
  • bietet auch Unterricht durch Lehrpersonal an, das selbst von Behinderung betroffen ist.

Schulische Inklusion kann damit unter anderem bedeuten, dass ein autistisches Kind vorwiegend Einzel- oder Kleinstgruppenunterricht erhält, um es vor Reizüberflutungen zu schützen. Sie beinhaltet keineswegs – wie die Medien gern übermitteln – dass alle Schüler_innen denselben Unterrichtsstoff in derselben Gruppe im selben Tempo lernen.

Und warum soll nicht auch mal eine Lehrkraft mit offensichtlicher Sprachbehinderung in einer allgemeinen Schule unterrichten dürfen? Bedingung wäre, dass alle Unterrichtsinhalte bei allen Schüler_innen ankommen, sei es durch Assistenz oder andere ausgleichenden Maßnahmen. Was würde dagegen sprechen, wenn z.B. eine gehörlose Lehrkraft in Gebärdensprache unterrichtet, während Gebärdensprach- und Schriftdolmetscher_innen dafür sorgen, dass wirklich alle Schüler_innen dem Unterricht folgen können, egal ob hörend oder nicht-hörend? Inklusion im Lehrerzimmer ist hier noch ein anderes Thema, das sehr stiefmütterlich behandelt wird.

Zum Lehrberuf werden gegenwärtig praktisch nur Lehrkräfte zugelassen, die entweder keine Behinderung haben oder die ihre Behinderung so hervorragend kompensieren können, so dass Schüler_innen vermittelt wird, dass erwachsene Menschen perfekt sein müssten und niemals auf Barrieren stießen. Gerade für Kinder ist das eine sehr problematische Botschaft. Sie benötigen Vorbilder, die den Umgang mit Barrieren vorleben, egal ob selbst von Behinderung betroffen oder nicht. Ein bekannter Pädagoge mit Behinderung ist der Spanier Pablo Pineda, der Trisomie 21 (Down-Syndrom) hat und im Kinofilm „Me too – Wer will schon normal sein?“ mitspielte. Diese Tatsache ist übrigens gerade im Internet Diskussionsgegenstand, siehe Website von Leidmedien.

Lehrpläne zeigen derzeit ein defizitorientiertes Denken. So heißt es beispielsweise im Lehrplan für die bayerische Mittelschule zum Unterpunkt „Zusammenleben mit anderen“: „Die Schüler begegnen auch Menschen, die krank oder behindert oder aus anderen Gründen auf Hilfe angewiesen sind. Sie lernen, die Situation dieser Menschen richtig einzuschätzen, Rücksicht zu nehmen und sich ihnen gegenüber taktvoll zu verhalten. Sie entwickeln und erproben Möglichkeiten, wie sie ihnen helfen und mit ihnen zusammenleben können.“

Beim Fach Ethik in der 5. Jahrgangsstufe ist unter der Überschrift „Verantwortung für Kinder in schwierigen Situationen“ (Punkt 5.5) zu lesen: „Durch Medien und persönliche Begegnung lernen die Schüler unterschiedliche Lebenssituationen benachteiligter Kinder kennen. Sie sollen die Nöte dieser Kinder begreifen, Mitgefühl entwickeln und bereit werden, sich bewusst Problemen anderer Kinder zu öffnen und soziale Verantwortung zu übernehmen. In einem gemeinsamen Projekt erproben die Schüler soziales Verhalten.“  In der nächsten Zeile wird aufgelistet, welche Kinder gemeint sind: „Kinder in Krisensituationen, z. B. Krankheit, Scheidung, Armut, Tod, Behinderung“. (Quelle) Für die Fächer Religion und Geschichte/Sozialkunde/Erdkunde werden ähnliche Lernziele formuliert.

Hier wird ein ausgeprägtes Hierarchie-Gefälle vermittelt: Behinderte Menschen seien bedauernswerte Menschen, denen die helfende Hand gereicht werden müsse. So ein Menschenbild ist kontraproduktiv für die schulische Inklusion. Diesbezüglich muss die Lehrerausbildung reformiert werden.

Inklusion erfordert teilweise Teamteaching und mehrere erwachsene Personen wie etwa Co-Lehrkräfte oder Schulassistenzen im Unterricht. Für manche Lehrkräfte ist es ein gewisser Stressfaktor, wenn weitere erwachsene Personen im Unterricht anwesend sind. Alle beteiligten erwachsenen Personen müssen auf solche Unterrichtsbedingungen vorbereitet werden und es müssen feste Regeln für die Kooperation vereinbart werden.

Schulische Inklusion kann durchaus Realität werden, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Wie sagte der ehemalige Bundesbehindertenbeauftragte Hubert Hüppe: „Wer Inklusion will, findet Wege. Wer sie verhindern will, findet Begründungen.“

Zum Weiterlesen auf anderen Seiten (Update am 21.07.2014, alphabetisch geordnet):

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Ein Gedanke zu „Was schulische Inklusion ist und was sie nicht ist

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