Das Thema Diskriminierung in den Medien am Beispiel der Hamburger Kammerspiele

„Ziemlich beste Freunde“ war ein Kinohit, der die ganze Gesellschaft bewegte und die Behindertenaktivisten Uwe Frevert und Gerlef Gleiss (gestorben am 05.02.2014) zu gegensätzlichen Kommentaren veranlasste (Quelle). Im Film geht es um die enge Freundschaft zwischen Philippe, der mit einer Querschnittlähmung ab dem Hals in einem Elektrorollstuhl sitzt, und seinem Assistenten Driss, der seinem Arbeitgeber durch seine Assistenzleistungen ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht.

Nun kündigten die Hamburger Kammerspiele an, den Film vom 23. März bis zum 25. Mai 2014 in einem Theaterstück mit Hardy Krüger jr. in der Hauptrolle aufzuführen, ausgerechnet in ihrem nicht barrierefreien Gebäude. Das sorgte unter Menschen mit Behinderung für gewaltigen Unmut.

Im Gebäude gibt es lediglich einen Rollstuhlplatz, der nur über Treppen zu erreichen ist. Die Verantwortlichen bieten an, Menschen im Rollstuhl die Treppe hochzutragen und wieder herunterzubringen (Quelle). Klingt zunächst sehr entgegenkommend, ist aber in Wirklichkeit diskriminierend. So sind Menschen mit Elektrorollstuhl, der bis zu 300 kg wiegen kann, ausgeschlossen. Menschen mit Rollator und ältere Menschen auch, wenn sie nicht mit Unterstützung Treppen steigen können.

Und Menschen mit einem leichtgewichtigen Rollstuhl schätzen es nicht besonders, wenn ihr Gefährt(e) von fremden Menschen angefasst wird, mal abgesehen von der Unfallgefahr und den daraus resultierenden versicherungstechnischen Problemen. Außenstehende übersehen vor allem, dass das Getragen-Werden von vielen keineswegs als Wertschätzung der eigenen Person wahrgenommen wird, sondern sich vielmehr als „hilfloses Opfer“ präsentiert fühlt – und die helfenden Personen erscheinen als selbstlose Helfer_innen.

Da der Film „Ziemlich beste Freunde“ in Deutschland auf ein riesiges Publikumsecho stieß, war es naheliegend, ihn als Theaterstück mit renommierten Schauspieler_innen aufzuführen (und Gelder einzuspielen). Dass ein Theaterstück zum Thema selbstbestimmtes Leben mit 24-Stunden-Assistenz ausgerechnet in einem nicht rollstuhlfreundlichen Gebäude stattfinden soll, nahmen viele rollstuhlnutzende Menschen als großen Affront wahr – zumal Hamburg als zweitgrößte Millionenstadt Deutschlands andere barrierefreie Gebäude zu bieten hätte.

Um der wahrgenommenen Diskriminierung Nachdruck zu verleihen, rief der Verein Autonom Leben e.V. (der wesentlich vom Gedankengut von Gerlef Gleiss geprägt ist) am Tag der Premiere, am 23.03.2014, zu einer Demonstration  vor dem Eingang der Hamburger Kammerspiele auf (Quelle).

Die Verantwortlichen der Hamburger Kammerspiele, die bereits vorgewarnt waren, verteilten an diesem Tag eine Erklärung, in der auf den Denkmalschutz des Gebäudes und auf zwei alternative barrierefreie Spielorte in Hamburg verwiesen wurde, an denen das Stück aufgeführt werden würde – allerdings erst im nächsten Jahr. Jene Erklärung wurde ausgerechnet innen im Gebäude verteilt, obwohl die eigentlichen Adressat_innen – sehr symbolträchtig – draußen vor der Treppe in ihren Rollstühlen saßen. Am ersten Tag demonstrierten etwa 40 Personen mit und ohne Rollstuhl unübersehbar und unüberhörbar vor dem Eingang der Hamburger Kammerspiele (Video 1 und Video 2).

Das Medienecho, das daraufhin folgte, war erwartungsgemäß zurückhaltend. Die Diskriminierung, die die betroffenen Menschen wahrnahmen, war für andere nur schwer nachvollziehbar, schließlich würde das Theaterstück doch im kommenden Jahr in barrierefreien Gebäuden stattfinden.

In den Medien wurde das Theaterstück in höchsten Tönen gelobt, ohne dass die Demonstration eine Erwähnung fand, und in weiteren Artikeln über das Theaterstück wurde die Demonstration nur mit einigen Zeilen bedacht – ganz wie es dem Stellenwert der von Behinderung betroffenen Menschen in der Gesellschaft entspricht.

Die Hamburger Morgenpost, die Kieler Nachrichten, der Stern, die ZEIT und viele andere Zeitungen berichteten über das Theaterstück, ohne die Demonstration zu erwähnen.

Selbst das Hamburger Abendblatt verlor zunächst kein Wort darüber (Quelle), um später eine Online-Meldung nachzuschieben. Dazu hat sich Christiane Link in ihrem Blog geäußert. Zwei Tage später gab es doch noch einen Text in der Papierausgabe. Auffällig ist aber, dass die Überschrift nur auf das Theaterstück verweist („Ziemlich beste Freunde“: Pflegen und pflegen lassen) und dass in der zweiten Artikelhälfte nur noch über das Theaterstück berichtet wird – wie wenn schnell vom Thema Diskriminierung abgelenkt werden soll. Da spielte sicherlich auch die Loyalität gegenüber den Verantwortlichen der Hamburger Kammerspiele eine große Rolle.

Ähnlich war der Umgang mit dem Thema in den Eimsbütteler Nachrichten und im NDR. Immerhin gingen sie zuerst auf das Theaterstück ein, um anschließend von der Demonstration zu berichten, allerdings auch nur in wenigen Zeilen. Bezeichnend ist, dass beide Medien den Artikel quasi zur Beschwichtigung damit abschließen, dass dasselbe Theaterstück im nächsten Jahr an barrierefreien Spielorten stattfinden würde. Der NDR nimmt in den Schlussätzen aber wenigstens noch kurz Bezug auf die Gefühle der betroffenen Menschen.

Damit zeigen sämtliche Medien dasselbe Verhalten wie die Verantwortlichen der Hamburger Kammerspiele: Es wird beschwichtigt und die Diskriminierung wird heruntergespielt.

Die betroffenen Menschen erfahren indirekt die Botschaft „Stellt euch nicht so an, es gibt ja schließlich Ersatz!“ und es wird ihnen vermittelt, dass sie überzogene Ansprüche stellen würden: „Da wird ihnen der kleine Finger angeboten und sie wollen die ganze Hand!“ Kaum jemand sieht, dass es sich in Wirklichkeit um ein paar Krumen vom Kuchen handelt, die ihnen hingeworfen werden sollen. Möchten sie auch ein richtiges Stück vom Kuchen haben, erscheint das unerhört.

Dabei wäre für die Verantwortlichen der Hamburger Kammerspiele einfach gewesen, das Gesicht zu wahren: Statt der beschwichtigenden Erklärung hätten sie eine aufrichtige Entschuldigung für ihre Gedankenlosgkeit aussprechen und versprechen können, zukünftig auf Theaterstücke mit ähnlicher Thematik zu verzichten – oder für Barrierefreiheit zu sorgen. Denkmalschutz und Barrierefreiheit müssen sich nicht ausschließen. Dieses Video zeigt, was es für Möglichkeiten gibt. (Kurzbeschreibung für Menschen, die das 2-minütige Video nicht sehen können: Es wird an einem Gebäude mit einer Eingangstreppe mit 6 Stufen gezeigt, wie die Stufen eingefahren werden und eine Rampe zum Vorschein kommt, die bei Bedarf rauf oder runter fährt.)

Autonom Leben e.V. verfasste einen Offenen Brief an die Stadt Hamburg mit Forderungen, denen hoffentlich entsprochen wird.

Das Verhalten der Medien ist ein Spiegel der Gesellschaft: Der Protest wird kurz erwähnt und nicht weiter kritisch reflektiert, sondern schnell wieder beiseite geschoben – als ein Randthema einer Randgruppe.

Die Hamburger Kammerspiele waren nur ein Beispiel. Sie stehen stellvertretend für unsere Gesellschaft. Menschen mit Behinderungen werden nicht nur im Bereich Kultur, sondern auch noch in vielen Lebensbereichen diskriminiert.

Es wäre die Aufgabe der Medien, genau diese Diskriminierungen zu thematisieren und dabei vor allem die Perspektive der davon betroffenen Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Dabei können sie die betroffenen Menschen auch zu guten Gegenbeispielen interviewen und so einen wesentlichen Beitrag zu einer inklusiven Gesellschaft leisten. Toll wäre es, wenn sie mit eigenen Texten selbst zu Wort kommen könnten.

Barrieren sind ein Thema, das alle angeht. Das statistische Bundesamt stellte Ende 2011 fest, dass vor allem ältere Menschen von Barrieren bzw. Behinderung betroffen sind. Nur 4 % der statistisch erfassten Behinderungen sind angeboren bzw. traten im Kleinkindalter auf und 83 % der Behinderungen entstanden durch Krankheit (Quelle).

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