Eine kleine Sprachanalyse: Was Sie zu Eltern behinderter Kinder und zu Menschen mit Behinderung (nicht) sagen dürfen

Im Stern wurde neulich der Artikel „Was Sie zu Eltern lieber nicht sagen sollten“ veröffentlicht, in dem Hinweise zum Umgang mit Eltern von Kindern mit Behinderung gegeben werden. Mein erster Gedanke nach dem Lesen der ersten Sätze war: „Das würde ich auf keinen Fall empfehlen.“ Angemessene Äußerungen sind laut Artikel beispielsweise:

  • „Sie sind eine tolle Mutter, Ihre Kinder sind so höflich.“
  • „Wie kommt es, dass Ihr Kind einen Rollstuhl braucht?“
  • „Ich kenne ein anderes autistisches Kind, er steht echt auf Züge. Was mag Ihr Kind denn besonders gern?“

Genau diese Sätze kommen bei vielen erwachsenen Menschen mit Behinderung negativ an, wenn sie in abgewandelter Form zu ihnen gesagt werden:

  • „Toll, wie Sie das alles schaffen.“
  • „Warum sitzen Sie im Rollstuhl?“
  • „Ich kenne noch jemanden, der hat das [die Behinderung] auch.“

Gesprächsthemen, die sich um die Behinderung drehen, sind nur vertrauten Menschen aus dem engeren Bekanntenkreis und Selbsthilfegruppen vorbehalten. Eine Facebook-Diskusskion, an der vor allem erwachsene Menschen mit Behinderung beteiligt waren, bewertete den Stern-Artikel auch sehr kritisch. Und Laura Gehlhaar hat in ihrem amüsanten Blogtext eine Sammlung an „no go“-Sätzen zusammengestellt.

Ich finde es auf der sprachlichen Ebene interessant, dass dieselben Sätze, die von Eltern behinderter Kinder akzeptiert werden, von erwachsenen Menschen mit Behinderung abgelehnt werden. Das ist nicht überraschend: Eltern freuen sich, wenn ihr Engagement für ihr Kind honoriert wird, dessen Entwicklungsfortschritte positiv kommentiert werden und Interesse am Kind gezeigt wird. Aufdringliche Neugier von fremden Menschen lehnen sie jedoch ab. Eltern von Kindern ohne Behinderung freuen sich ja auch über ähnliche Kommentare.

Allerdings ist mein persönlicher Eindruck, dass Eltern emotionaler auf Fragen und Kommentare mit Bezug zur Behinderung des Kindes reagieren, vor allem wenn sie durch ihr Kind zum ersten Mal mit dem Thema Behinderung konfrontiert werden. Eltern sehen die körperlichen Grenzen des Kindes, erleben Diskriminierungen durch das soziale Umfeld, haben mit Barrieren zu kämpfen und zugleich haben sie das Bedürfnis, das Kind vor der „bösen Welt“ zu schützen. Das Kind hingegen wächst in der Regel in seine Situation hinein und lernt, eine gewisse Frustrationstoleranz aufzubauen.

Vor einiger Zeit kritisierte Christiane Link in ihrem Blogtext „Die Eltern behinderter Kinder in den Medien“ zu Recht, dass manche Eltern in der medialen Öffentlichkeit das Leid durch die Behinderung ihres Kindes in den Mittelpunkt stellen und dadurch in die Mitleidsschiene abrutschen würden. Das sei kontraproduktiv für die Inklusion. Ihr kritischer Blogbeitrag stieß im Internet bei selbstbetroffenen Menschen auf gewaltige positive Resonanz. Der Buchautor und Behindertenaktivist Udo Sierck nannte übrigens eines seiner Bücher „Das Risiko, nichtbehinderte Eltern zu bekommen“ (aus dem Jahr 1989, leider vergriffen).

Was ich ebenfalls auf der sprachlichen Ebene interessant finde, ist die inhaltliche Verzerrung durch Übersetzungen aus einer anderen Sprache und durch Kürzungen. Der Stern-Artikel ist nämlich eine eigenwillige Übersetzung und starke Zusammenfassung des amerikanischen Artikels in der Huffington-Post, verfasst von Dr. Darla Clayton aus ihrer Perspektive als Mutter eines Kindes mit Behinderung (Titel des Artikels: „17 Things You Can Say to a Parent of a Child Who Has Special Needs Without Sounding Like a Jerk“).

Der Originaltext ist um Welten besser als der Stern-Artikel, er liefert ergänzende Erklärungen zu den Beispielsätzen und bringt konkrete Beispiele aus dem Leben der Verfasserin. Der Stern-Artikel ist nur ein „Abklatsch“, in dem wesentliche Aspekte aus dem Originaltext fehlen.

Wenn Eltern von Kindern mit Behinderung in den Medien auftreten, tragen sie eine Verantwortung für das Behindertenbild in der Gesellschaft. Es geht hier nicht um Erfahrungsberichte von Eltern, wie sie beispielsweise in Forumsdiskussionen, Blogs und Magazinen zu finden sind, sondern um gezielt öffentliche Auftritte in Talkshows, Radio- und Zeitungsinterviews und ähnlichen Medienformaten.

Leider fokussieren die Massenmedien sich oft auf die Emotionen der Eltern. Je mehr auf die Tränendrüse gedrückt werden kann oder je herzerwärmender, umso besser. So entsteht ein negatives Bild von der Situation der von Behinderung betroffenen Menschen.

Für die Entwicklung einer inklusiven Gesellschaft ist es wichtig, dass die Medien die Perspektive der direkt betroffenen Menschen in den Fokus rücken, das Verhalten von nichtbetroffenen Menschen reflektieren und Barrieren aufdecken. Eltern können einen Beitrag leisten, indem sie in der medialen Öffentlichkeit ihre eigenen Emotionen in den Hintergrund stellen und stattdessen konkrete Forderungen an die Politik und die Gesellschaft formulieren.

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