Die Inklusion in der Spirale der Integration

Fünf Jahre sind seit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention vergangen und ich beobachte mit zunehmendem Missmut, wie der Begriff „Inklusion“ immer mehr verwässert wird. Zuletzt schrieb ich über den missbräuchlichen Umgang mit dem Forschungszweig Disability Studies. Ein ähnliches Schicksal scheint den Begriff „Inklusion“ zu ereilen. „Inklusion“ scheint jetzt der neue Name für „Integration“ zu sein.

Daran hat die Gesellschaft maßgeblichen Anteil, die sogenannte „Inklusionsprojekte“ ins Leben ruft, kräftig unterstützt vom Journalismus und den Medien, die ein falsches Verständnis von Inklusion vermitteln und es verbreiten.

Das sind meine größten Kritikpunkte:

Inklusion ist nicht nur Schule. In der medialen Öffentlichkeit beschränkt sich der Begriff der Inklusion oft nur auf den schulischen Bereich. Aber das ist ein Thema, das alle Lebensbereiche betrifft, angefangen vom Säuglingsalter bis zum Lebensende. Sie betrifft auch die Ausbildung, das Studium, den Beruf, die Freizeit, den Alltag.

Bei Entscheidungen sollten diejenigen Menschen, um die es geht, das Wort haben. Als verkündet wurde, dass die blinde Biathletin Verena Bentele die neue Behindertenbeauftragte der Bundesregierung wird, gab es in der „Behindertenszene“ einigen Unmut, da die Entscheidung von nichtbetroffenen Menschen gefällt wurde. Dass eine selbstbetroffene und motivierte Person das Amt übernehmen wird (Quelle), ist jedoch positiv zu bewerten (siehe u.a. Kobinet, Heiko Kunert, Ottmar Amm und Ulrike Pohl). Aber warum ist dieses Amt lediglich ein Ehrenamt? Diese Tatsache widerspiegelt den Stellenwert von Menschen mit Behinderung in unserer Gesellschaft nur zu deutlich.

Inklusion vermeidet Notlösungen. Innovativ fand ich es, als vor etwa 15 Jahren (!) eine aus hörenden Leuten bestehende Organisation zu einer Info-Veranstaltung zum Thema Cochlea-Implantat einlud und dafür Gebärdensprachdolmetscher_innen anbot. Da ich – gehörlos geboren und mit Hörgeräten versorgt – nur schlecht gebärden konnte und zudem potentielle Kandidatin für ein Cochlea-Implantat war, fragte ich an, ob sie auch Mitschreibkräfte anbieten würden. (Schreibdolmetscher_innen gab es noch nicht wirklich.) Es kam eine ablehnende Antwort mit dem freundlichen Hinweis, dass die referierenden Personen aber mit Powerpointpräsentation vortragen würden. Dankeschön. Diesen Hinweis bekomme ich heute noch selbst bei Veranstaltungen zum Thema Barrierefreiheit immer wieder zu hören.

Zur Inklusion gehören Assistenzen. In einem Anmeldeformular für eine große Veranstaltung zur Inklusion bei Menschen mit Hörschädigung war der folgende Hinweis zu lesen: „Wenn Sie Schreib- oder Gebärdensprachdolmetscher benötigen, beantragen Sie sie bitte beim Integrationsamt.“ So eine Haltung finde ich außerordentlich exkludierend, wenn ausgerechnet diejenigen Menschen, deren Situation Thema ist, ausgegrenzt werden. Arbeitsassistenz wird vom Integrationsamt nur finanziert, wenn die Veranstaltung berufsbedingt besucht wird. Zudem ist das Budget für Assistenz begrenzt, oft sehr knapp bemessen und damit höchst wertvoll.

Dagegen kann ich ein Positivbeispiel nennen: Die AG Queer Studies lässt dank finanzieller Unterstützung durch die Gemeinsame Kommission Gender & Diversity in ihren Veranstaltungen einzelne Vorträge in Gebärdensprache dolmetschen, obwohl alle im Organisationsteam hörend sind und die Vorträge von rein queeren Themen handeln, ohne dass gehörlose Menschen und/oder Gebärdensprache ein Thema sind.

Ich habe je nach Veranstaltungsart und Organisationsteam durchaus Verständnis, wenn aus Kostengründen Abstriche bei der Barrierefreiheit gemacht werden. Aber dieses Verständnis wird sich in den nächsten Jahren immer mehr reduzieren, erst recht, wenn es bei der Veranstaltung um „Inklusion“, „Diversity“, „Barrierefreiheit“ oder Ähnliches geht und sie in pompösem Rahmen stattfindet. Vor allem Leichte Sprache ist ein sehr randständiges Thema. Über Barrierefreiheit bei Veranstaltungen habe ich hier schon einmal geschrieben.

Menschen mit Ausgrenzungserfahrungen sind Fachleute, wenn es um Inklusion geht. Warum werden auf zahlreichen Veranstaltungen zum Thema Inklusion fast nur nichtbetroffene Fachleute als Referent_innen eingeladen? Was ist mit der Expertise der Menschen mit Behinderung, wie sie z.B. in der AG Disability Studies oder in einem der Selbstbestimmt-Leben-Zentren in Deutschland auch vertreten wäre? Ähnliches gilt auch, wenn es um Ausgrenzungserfahrungen bei Migrationshintergrund oder aufgrund anderer sozialer Merkmale geht. Warum werden persönliche praxisbezogene Erfahrungen von diesen Menschen als ehemalige Integrationsschüler_innen, als Arbeitslose, als Berufstätige so geringgeschätzt? Diese pflegen zudem häufig Kontakte zu anderen ebenfalls betroffenen Menschen, so dass ihr Wissen über Möglichkeiten der Integration/Inklusion besonders breit gefächert ist und das oft mit fachspezifischem Wissen verknüpft werden kann. In meinen Augen wird diese Art von Expertise unterschätzt. Müssen Menschen erst einen akademischen Titel tragen oder in entsprechenden Berufen tätig sein, um Vorträge halten zu dürfen? Bei Inklusion gibt es kein Oben und Unten.

Inklusion wird nur in der alltäglichen Praxis gelernt. Auf der Website von Aktion Mensch gibt es eine Seite mit „inklusiven Studiengängen“. Von einigen der aufgelisteten Lehrstühlen weiß ich, dass dort ausschließlich nichtbetroffene Menschen tätig sind. (Dass es Menschen mit unsichtbaren Behinderungen gibt und sie diese nicht offen legen möchten, ist mir bekannt.) Aber inklusives Lernen wird nur durch regelmäßige persönliche Begegnungen mit Menschen mit Behinderung möglich. Praktika in exkludierenden Behinderteninstitutionen ermöglichen kein inklusives Lernen. Es müssen sehr viel mehr selbstbetroffene Lehrende in die Ausbildungsstätten geholt werden. Warum sollen nicht auch Menschen mit Lernschwierigkeiten mit Unterstützung von Assistenz lehren dürfen?

Nach fünf Jahren UN-Behindertenrechtskonvention sind wir nach wie vor weit entfernt von Inklusion. Sie ist vielerorts immer noch Integration, wie sie früher praktiziert wurde, nur mit dem neuen Etikett „Inklusion“ versehen. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass nicht mehr nur über Inklusion geredet wird, sondern dass sie gelebt wird und dass die Forderung „Nichts über uns ohne uns“ der Krüppelbewegungen umgesetzt wird.

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