Disability Studies ohne Inklusion? Von der Übertretung der Regel „Nichts über uns ohne uns!“

Vor einigen Tagen entdeckte ich den Blogtext „Emanzipation der ‚Disability Studies'“ auf der Website von Aktion Mensch. Auch wenn ich es sehr schätze, dass diesem noch wenig beachteten Forschungszweig Aufmerksamkeit gewidmet wird, fehlen im Text einige wesenliche Aspekte. Der für Disability Studies so zentrale Grundsatz „Nichts über uns ohne uns“ wird weder erwähnt noch umgesetzt. Warum berichtet darüber nicht jemand, der in diesem Gebiet tätig und idealerweise auch selbstbetroffen ist?

Was Disability Studies genau sind, können Sie im vertiefenden Artikel (ab S. 15) von Köbsell nachlesen und von mir gibt es hier eine kurze Zusammenfassung.

Kritik: Übertretung der Regel „Nichts über uns ohne uns“

Immer mehr nichtbetroffene Menschen entdecken Disability Studies für sich und entscheiden, wer darüber berichten, forschen, lehren darf. Es werden Veranstaltungen in rollstuhlfeindlichen Räumen und ohne Assistenzen angeboten, auf denen als Zuckerl vielleicht ein oder zwei selbstbetroffene Menschen referieren.

Dabei ist Inklusion das Leitziel der Disability Studies. Sie entwickelten sich aus den Krüppelbewegungen der 70/80er Jahre im angloamerikanischen Raum. Daraus entstand der Slogan „Nichts über uns ohne uns„.

Die im Blogtext erwähnten Professorinnen Anne Waldschmidt, Theresia Degener und Swantje Köbsell (noch Dr., ab April 2014 Professorin) sind selbstbetroffen, haben die deutschsprachigen Disability Studies maßgeblich vorangetrieben, bieten hierzu Lehre an und haben im Jahr 2002 die Arbeitsgemeinschaft Disability Studies (AGDS) mitgegründet.

Vermisst habe ich einen Hinweis auf das Lehrangebot von ZeDiS (Zentrum für Disability Studies) in Hamburg, bei dem ich bis Dezember 2013 arbeitete. Nirgendwo wird Disability Studies so intensiv gelehrt und wohl auch gelebt wie bei ZeDiS. Fast das gesamte Team ist selbstbetroffen, es werden vorwiegend ReferentInnen mit Behinderung eingeladen und Barrierefreiheit hat einen sehr hohen Stellenwert.

Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Ich finde es sehr positiv, wenn immer mehr Menschen ohne Behinderung sich mit diesem neuen Thema befassen. Die Professorin, die im oben genannten Blogtext vorgestellt wird, ist meines Wissens zwar nichtbetroffen, aber sie verfügt über ein sehr tiefgehendes Verständnis von Disability Studies und kooperiert eng mit betroffenen Menschen. Ich habe sie als Referentin erlebt und hoffe, sie noch öfter erleben zu können. Ebenso sind mir andere nichtbetroffene Menschen in Arbeits- und Forschungsgruppen bekannt, die sich ernsthaft bemühen, MitarbeiterInnen mit Behinderung „ins Boot“ zu holen. Ich wünsche mir mehr solche Menschen.

Aber daneben gibt es offensichtlich auch Menschen ohne Behinderung, die das Feld der Disability Studies für sich besetzen, um sich damit profilieren zu können. Das ist jedenfalls mein Eindruck.

Sieben Gründe, warum so wenige selbstbetroffene Menschen in den Disability Studies beteiligt sind (oder werden)

Ich habe es schon erlebt, dass Stellen oder Aufträge zu Disability Studies an nichtbetroffene Menschen vergeben wurden, obwohl sich auch Personen mit Behinderung gemeldet hatten. Über die Gründe kann ich nur spekulieren:

1) Ein Grund ist, dass manchmal die geforderten Kernkompetenzen fehlen. Wer sich auf eine Lehr- oder Forschungstätigkeit bewirbt, aber keine entsprechenden Erfahrungen vorweisen kann, hat (berechtigterweise) schlechte Chancen.

2) Der zweite Grund hängt eng mit dem ersten Grund zusammen: Viele Menschen mit Behinderung sind tatsächlich schlechter als andere qualifiziert, weil ihre Schulzeit, ihre Ausbildung oder das Studium bereits voller Barrieren war, so dass weniger gute Abschlüsse erreicht wurden und Zusatzqualifikationen fehlen.

3) Ein dritter Grund ist, dass Auftrag- und ArbeitgeberInnen kaum Kontakt zu Menschen und Organisationen haben, die geeignete selbstbetroffene Menschen mit den gewünschten Kompetenzen vermitteln könnten.

4) Grund vier ist ganz banal: Kompetente selbstbetroffene Menschen sind manchmal bereits anderweitig ausgelastet.

5) Einen fünften Grund liefern die Menschen mit Behinderung selbst, die negative Charaktereigenschaften zeigen. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, wenn jemand bereits bei unserer ersten Begegnung unflätig über einen Arbeitgeber schimpft, der ihm nach einem konstruktiven Vorstellungsgespräch mit gutem Grund abgesagt hat.

6) Einen sechsten und wichtigen Grund sehe ich darin, dass Arbeit- und AuftraggeberInnen negative Konsequenzen fürchten wie unüberwindbare Barrieren, erhöhte Kosten, Qualitätseinbußen der Arbeit und damit womöglich einen Knacks im eigenen Ruf, wenn sie Menschen mit Behinderung einsetzen. Dann ist da auch noch die Angst vor dem erhöhten Kündigungsschutz, die aber unbegründet ist. Im Jahr 2011 stimmte das Integrationsamt in 75 % der Fälle der Kündigung zu (Quelle).

7) Der siebte Grund, den ich nachträglich aufzähle, scheint auch nicht unwesentlich für die exkludierende Praxis der Stellenvergabe zu sein: Disability Studies sind ein kritischer Forschungszweig, der Ausgrenzungsmechanismen durch nichtbetroffene Menschen in den Blick nimmt. Ist kritische Forschung unerwünscht und sollen bestehende Machtstrukturen erhalten bleiben? (Absatz geändert am 21.02.2014)

„Nichts über uns ohne uns“ umsetzen – mögliche Lösungen

Es gibt sicher noch weitere Gründe, warum selbstbetroffene Menschen im Arbeitsfeld der deutschsprachigen Disability Studies unterrepräsentiert sind. Aber Expertise wäre da, sie muss nur gefunden werden – und gewollt sein.

Besonders hinweisen möchte ich auf die AGDS (Arbeitsgemeinschaft Disability Studies). Hier sind ausschließlich selbstbetroffene Menschen vertreten, die meisten mit akademischem Hintergrund, sie setzen sich aktiv für Inklusion ein und mehrere sind BehindertenaktivistInnen mit langjähriger behindertenpolitischer Erfahrung. Selbstbetroffenheit allein ist noch kein Qualifikationsmerkmal. Die Gruppe trifft sich ein- bis zweimal jährlich zu einem Austausch.

Auch in der Organisation Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben (ISL e.V.) finden sich Menschen mit breit gefächertem Wissen über Barrieren und Diskriminierungen.

Ein neues Job-Portal, dass sich auf Diversity, Disability, Gender und andere Bereiche spezialisiert hat, ist Diversity-Jobs.

Wünschen würde ich mir aber ganz besonders, dass bei der Vergabe von Stellen und Aufträgen auch selbstbetroffene Menschen mit im Vergleich zu MitbewerberInnen etwas schlechterem Lebenlauf eine Chance erhalten, wenn sonst alle Kernvoraussetzungen erfüllt werden – gerade weil die vorhandenen Kompetenzen oft unter zum Teil erheblich erschwerten Bedingungen erworben wurden. [Ergänzung am 18.02.2014] Natürlich sollen für Menschen mit Behinderung dieselben Einstellungsvoraussetzungen gelten. Menschen ohne Behinderung sind bei Bewerbungen jedoch häufig im Vorteil, weil sie Zusatzqualifikationen bieten können oder ihr Studium in kürzerer Zeit absolviert haben. Das sind dann die „Bonuspunkte“, die über die Stellenvergabe entscheiden können. [Ende der Ergänzung]

Wenn der Arbeitsplatz barrierefrei eingerichtet wird (auf Kosten z.B. vom Integrationsamt oder der Arbeitsagentur), ist bereits viel gewonnen. Interessierte Arbeit- und AuftraggeberInnen können sich beraten lassen.

Wichtig fände ich auch ein Gremium aus vorwiegend selbstbetroffenen Menschen mit behindertenpolitischen Erfahrungen, das bei größeren Entscheidungen ein explizites Mitspracherecht erhält.

Disability Studies sind in Deutschland jedenfalls noch lange nicht etabliert. Sie werden erst angekommen sein, wenn Menschen mit Behinderung deutschlandweit an verschiedenen Universitäten in führenden Positionen lehren und forschen – gern in Kooperation mit Menschen ohne Behinderung.

Advertisements

3 Gedanken zu „Disability Studies ohne Inklusion? Von der Übertretung der Regel „Nichts über uns ohne uns!“

  1. Liebe Frau Kellermann,

    ich sehe es ebenso, dass behinderte Menschen strukturell im Arbeitsleben und im akademischen Feld benachteiligt sind und würde daher eine größere Präsenz von Betroffenen im universitären Zusammenhang begrüßen. Doch habe ich ein paar Anmerkungen:

    Zunächst gibt es nicht „die“ Disability Studies an sich, in Großbritannien sind sie eher sozialwissenschaftlich ausgerichtet, in Nordamerika eher kulturwissenschaftlich und natürlich unterscheiden sich die einzelnen Arbeitsbereiche etc. in Nuancen. Doch das wissen Sie sicher selbst.

    Weiterhin möchte ich darauf hinweisen, dass in meinem Verständnis Betroffenheit kein notwendiges Kriterium ist, um sich zu den Disability Studies äußern oder diese betreiben zu dürfen. Zwar wird im deutschsprachichen Diskurs (m.E. verkürzt) die Disziplin oft als „Forschung durch Betroffene“ charakterisiert, doch stellt sich dies international ganz anders da. Ja, die Wurzeln liegen in der politischen Behindertenbewegung. Aber durch die Etablierung und Formalisierung an Universitäten ist zugleich eine akademische Disziplin entstanden, und die Regeln des akademischen Feldes greifen. Das Zulassungsverfahren am Centre for Disabilty Studies in Leeds berücksichtigt die Hochschulzugangsberechtigung, nicht aber die Betroffenheit. Ich selbst habe dort einen Master in Disability Studies gemacht und von Beginn an wurde klargestellt, dass es sich um ein akademisches, soziologisches Studium handelt, welches Behinderung als gesellschaftliches Phänomen analysiert und Betroffenheit kein notwendiges Kriterium ist, um Disability Studies betreiben zu „dürfen“. Dies schließt natürlich trotzdem Sensibilität und eine Reflexion von Machtverhältnissen durch Nichtbetroffene mit ein.

    Meines Erachtens besteht ein Problem des deutschsprachigen Diskurses um Disability gerade in der Verkürzung auf eine „Betroffenenwissenschaft“. Notwendig ist eine klare akademische Verortung und ein theoretischer Bezugsrahmen: Wird eher soziologisch oder kulturwissenschaftlich gedacht? Ist die Abgrenzung zur Behindertenpädagogik vielleicht darin zu finden, dass diese erziehungwissenschaftlich ausgerichtet ist, die Disability Studies aber soziologisch? Welche Beiträge zu welchen akademischen Diskursen wollten die Disability Studies leisten?

    Letzendlich bedarf die Frage der Inklusion im universitären Feld eine ganz grundsätzliche Auseinandersetzung damit, wie dieses in einer funktional differenzierten Gesellschaft organisiert ist. Die Universität ist elitär, für Menschen ohne Hochschulzugangsberechtigung ist sie allgemein nicht zugänglich. Darüber hinaus muss m.E. auch offengelegt werden, dass die Sprachbasierung und Theoriebildung in der Wissenschaft an sich Barrieren für bestimmte Personenkreise, zum Beispiel Menschen mit schwerster Behinderung darstellen. Die Disability Studies wären gefragt, genau dies zu thematisieren.

    Beste Grüße.
    M.N.

    • Liebe/r M.N.,

      natürlich sollte Betroffenheit nicht das Kriterium sein, um Disability Studies betreiben zu können, das ist gar nicht meine Einstellung. Vielmehr wünsche ich mir, dass möglichst alle Menschen sich für die Theorien dieser Disziplin öffnen würden. Aber ein gewisses Verständnis für diese Thematik sollte schon vorhanden sein, bevor sie darüber sprechen.

      Der Begriff „Betroffenenwissenschaft“ klingt negativ. Wenn Sie den Begriff so nehmen wollen, sind z.B. die Gender Studies auch eine „Betroffenenwissenschaft“.

      Meine Kritik zielt vielmehr darauf ab, dass die deutschen Disability Studies gerade dabei sind, sich zu einer „Nichtbetroffenenwissenschaft“ zu entwickeln. Was ich dabei problematisch finde, ist die Tatsache, dass es immer mehr nichtbehinderte Menschen werden, die die Inhalte dieser Fachdisziplin festlegen und sie teilweise mit heilpädagogischen Aspekten vermischen. Sie verkaufen das dann als „Disability Studies“.

      Auf der Website der AGDS (AG Disability Studies) wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass von Behinderung betroffene Menschen im Forschungsprozess nicht mehr nur Objekte, sondern auch Subjekte sein sollen. Ich zitiere:

      „Wo früher oft Behinderte nur als Objekt der Forschung dienten, sollen sie jetzt als deren Subjekte ihre eigene Sicht mit in den Forschungsprozess einbringen. […] Dazu gehört auch, dass die tragenden Akteure der Disability Studies behinderte Menschen selbst sind – so wie beispielsweise die Women Studies auch von Frauen und die Queer Studies von lesbischen Frauen und schwulen Männern dominiert werden. Dies bedeutet jedoch nicht den Ausschluss Nichtbehinderter aus den Disability Studies.“ (Quelle: http://www.disabilitystudies.de/studies.html)

      Dass DS als universitäre Fachdisziplin bestimmte Menschengruppen ausschließen, z.B. Menschen mit Lernschwierigkeiten, stimmt. Das ist nochmal ein eigenes Thema, dem wir uns auch noch stellen müssen.

      Ergänzung: Das ZeDiS (Zentrum für Disability Studies) lädt auch Menschen mit Lernschwierigkeiten als ReferentInnen ein. Leider gibt es kaum Leute, die dazu bereit sind bzw. sie benötigen Assistenz. Zudem können diese nach hochschulischen Vorgaben keine Lehraufträge übernehmen, weil dafür ein akademischer Abschluss vorausgesetzt wird.

      G. Kellermann

  2. Liebe Frau Kellermann,

    vielen Dank, dass mein Portal in Ihrem Blog Erwähnung findet, auch wenn ich als Gründerin nicht selbstbetroffen bin, zumindest nicht im Disability-Bereich. Ich hoffe dennoch, dass wir über unsere Präsenz und Vernetzung im öffentlichen Bewusstsein etwas anstoßen können. Die Möglichkeiten für Arbeitgeber zur Veränderung sind jedenfalls da, sie müssen nur genutzt werden.

    Alles Gute weiterhin für Ihre kritische Berichterstattung!
    M. Swiergot

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s