Witze über Menschen mit Behinderung – Gedanken zu Ableismus und Inklusion

In der taz löste die Rubrik „Gurke des Tages“ von Michael Ringel in Bezug auf den blinden Fußballspieler Robert Warzecha (Quelle) im Internet eine heftige Diskussion aus, wie weit Satire auf Kosten von Menschen mit Behinderung gehen darf. Tatsache ist, dass der betroffene Fußballer darüber nicht lachen konnte (Quelle). Problematisch war, dass ein bestimmter Mensch namentlich und im Zusammenhang mit seiner Behinderung öffentlich „durch den Kakao gezogen“ wurde. Es macht sicher auch einen Unterschied, ob Witze von ebenfalls betroffenen Menschen oder von Menschen ohne Behinderung ausgehen.

Nun erschien gestern im Spiegel von Silke Burmester die Kolumne, die die Überschrift „Behinderung und Sprache: Wie Inklusion sein sollte“ trägt (Quelle). Burmester kommentierte  die empörten Reaktionen auf die taz-Gurke wie folgt: „Auch im Netz findet man die Stimmen derer, die Ringels Gurke als komplett verfehlt einstufen und es wohl am liebsten sähen, er würde sich als Zeichen der Reue den Arm abhacken. Abgesehen davon, dass vor allem viele Menschen ohne Behinderung sich aufregen, frage ich mich langsam: Leute mit Behinderung, was wollt ihr eigentlich?“ Ihr Text lässt sich sinngemäß wie folgt zusammenfassen: „Lasst es zu, dass wir über euch spotten, und lacht mit. Das ist Inklusion.“

Damit gehört sie zu den vielen Menschen, die nicht selbst von Behinderung betroffen sind, aber den betroffenen Menschen erklären möchten, wie Inklusion auszusehen hat. Der dafür am besten passende Begriff heißt (auf Englisch) „Ableism“ oder eingedeutscht „Ableismus“. Dazu gehören auf Behinderungen bezogene Handlungen, die die betreffenden Menschen – ungewollt oder beabsichtigt – herabsetzen. (Mehr zum Thema hat Rebecca Maskos hier geschrieben.) Mela Eckenfels hat zum Text von Burmester einen deutlichen Kommentar geschrieben, in dem sie Respekt einfordert und dem ich auch so zustimmen möchte (Quelle).

Ja, wir wollen Teilhabe und „normal“ behandelt werden. Dazu gehören keine Witze, die uns herabsetzen. Sie sind nicht mit Blondinen- oder Ostfriesenwitzen zu vergleichen. Menschen mit Behinderungen sind nahezu ständig Diskriminierungen und Barrieren ausgesetzt. Darin unterscheiden wir uns von blonden Frauen oder Ostfriesen. Ich komme aus Bayern und habe schon Witze gehört, die das bayerische Volk aufs Korn nehmen. Die finde ich auch lustig.

Dass selbst betroffene Menschen durchaus über auf sich bezogene Witze lachen können, zeigt die große Fangemeinschaft des Cartoonisten Philipp Hubbe, der Multiple Sklerose hat und anderen Menschen mit Behinderungen auf Augenhöhe begegnet. Auch der Kinofilm „Ziemlich beste Freunde“, in dem der Assistent Driss über seinen Arbeitgeber Philippe teilweise derbe Witze macht, fand bei vielen großen Anklag.

Unter anderem wirft Burmester vor, dass „schön geredet“ werden solle, also quasi das Gegenteil von „beleidigen“. Das erwarten wir aber nicht. Wir wünschen uns den goldenen Mittelweg und der heißt: Respekt. In Zuckerwatte braucht uns niemand zu packen. Das Leben fordert uns genug, da brauchen die lieben körperlich privilegierten Mitmenschen nicht noch eins draufzusetzen. Dabei geht es mir nicht um banale Begrifflichkeiten wie „Behinderte“ oder „Menschen mit besonderen Fähigkeiten“, sondern um die Haltung vieler nichtbetroffener Menschen, die darüber bestimmen wollen, wie Inklusion praktiziert werden soll, und dabei den betroffenen Menschen Vorschriften machen möchten. In den sogenannten Krüppelbewegungen etablierte sich der Slogan „Nichts über uns ohne uns!“, ein Grundsatz, der in unserer Gesellschaft unzählige Male missachtet wird.

Natürlich können beispielsweise in einem Zeitungsartikel fehlende Fähigkeiten beim Namen genannt werden. Es kommt auf das Wie und den Kontext an. Hier sollten JournalistInnen sich von betroffenen Menschen beraten lassen, denn sie tragen eine große Verantwortung für das Bild, das von Menschen mit Behinderung vermittelt wird. In diesem Zusammenhang möchte ich auf den langen, aber lesenswerten Artikel von Dr. Peter Radtke hinweisen. Sein Artikel trägt den Titel „Sprache ist Denken“ und genau darum geht es hier.

Menschen mit Behinderungen haben in der Regel ein dickes Fell und lassen unzählige menschliche Verfehlungen durchgehen. Aber wie groß die Zahl an subtilen und bewussten Diskriminierungen in Form von Worten, Handlungen, Regelungen und sonstigen Barrieren wirklich ist, kann kein außenstehender Mensch nachvollziehen. Es sind viele. Zu viele.

Wie Ausgrenzung wahrgenommen wird, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Es ist unbestritten, dass sie unterschiedlich erlebt wird. Ein Mensch, der zum Beispiel optisch oder in seinem Verhalten „aus der Reihe“ fällt, unterliegt zwangsläufig einem höheren Risiko für abwertende Kommentare als einer, der in der Öffentlichkeit zunächst nicht auffällt. Die eigene Persönlichkeit und die Akzeptanz durch das nähere Umfeld wie Familie, Nachbarschaft, Freundeskreis spielen ebenso eine große Rolle, wie Diskriminierung erlebt wird.

Burmesters abschließende Bemerkung „Oder sollen wir euch doch lieber schonen, weil ihr nicht sehen könnt oder nur ein Bein habt?“ erschwert durch die überzeichnende Wortwahl eine konstruktive Diskussion. Wer die Ansicht vetritt, dass wir erwarten, „geschont“ werden zu wollen, verkennt, dass unser Alltag uns bereits ständig fordert und ein großes Maß an Frustrationstoleranz abverlangt, welche die meisten von uns aufbringen, ohne dass unsere Lebensfreude dadurch Einbußen erfährt.

Dass ausgerechnet ein Mensch ohne Behinderung erklären möchte, wie Inklusion auszusehen hat, und andere Menschen ihm zustimmen (zu sehen an den Kommentaren zur Kolumne), sind klassische Beispiele für Bevormundung und Diskriminierung, die sich mit dem Begriff „Ableismus“ beschreiben lassen.

Inklusion ist keine Einbahnstraße. Inklusion muss von allen Seiten gelebt werden. Die Basis dafür heißt: Respekt. Fangen wir damit an. Alle.

Update vom 12.01.2014: Von der Journalistin Sibylle Berg erschien am 11.01.2014 im Spiegel eine angenehm sachliche Auseinandersetzung mit der politischen Korrektheit. Sie schreibt u.a.: „Und statt darauf zu beharren, dass man Sachen schon immer so oder so formuliert und getan hat, dass die Erde schon immer eine Scheibe war und der Mond von einem Mann bewohnt wird, ist es für den Verstand erfrischend, neue Argumente zu hören. Das funktioniert nur leider nicht über einen Shitstorm oder über Twitter und Facebook. Und darum mein Wunsch für dieses Jahr: mehr Raum in den Medien für Behinderte, für Menschen welcher Randgruppen auch immer, mehr Raum für Vielfalt. Ich möchte nicht beleidigt werden, wenn ich einen Fehler mache, sondern begreifen, ich möchte lernen und am Ende explodieren vor Wissen.“

Der vollständige Originaltext kann hier nachgelesen werden.

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6 Gedanken zu „Witze über Menschen mit Behinderung – Gedanken zu Ableismus und Inklusion

  1. Hallo Marco, als Antwort kann ich nur auf meinen letzten Kommentar verweisen. Und sonst sollten wir uns bewusst sein, dass wir Texte immer unterschiedlich interpretieren. Ich glaube aber nicht, dass wir in unseren Grundgedanken so weit auseinander liegen.

  2. Also, ich lese aus dem Text keine Respektlosigkeit raus. Die lese ich eher hier: Du sagst der Autorin, wie sie Behinderte behandeln soll und dass sie zum Thema Inklusion nicht mitreden darf, weil sie nicht behindert ist. Weil sie nicht behindert ist, hat sie keine Ahnung und soll gefälligst die Klappe halten. Aber it Inklusion ist nicht gemeint, dass sich die Nicht-Behinderten den Behinderten anpassen, auch nicht, dass sich die Behinderten den Nicht-Behinderten anpassen. Gemeint ist, dass beide einen Weg finden, die Gesellschaft gemeinsam zu gestalten und das geht nur, wenn alle ihre Meinung darstellen können. Der Text der Autorin lässt sich als eine Einladung zur Diskussion lesen und man diskutiert nur mit Leuten, die man ernst nimmt ergo respektiert.

  3. Volle Zustimmung für den Ursprungstext und auch den Kommentar von „Textgedanken“.
    Ich bin auch nicht grundsätzlich gegen Witze über Menschen m. Behinderungen, denke aber, dass man damit doch um einiges vorsichtiger sein sollte, als bei vielen anderen Themen. Zum einen erträgt man ohnehin alltäglich viel unfreiwillige Komik und zum anderen ist es auch so, dass man z. B. einem Rollifahrer oder Amputierten auch nicht ansieht, ob er nicht vielleicht noch in der Rehaphase ist und ohnehin damit zu tun hat, sich selbst zu akzeptieren. Hätte mir ein Fußgänger in der Anfangszeit meines Querschnitts einen -womöglich noch schlechten- Witz über meine Behinderung um die Ohren geknallt, wäre ich doch extrem verletzt gewesen und vielleicht in der Folge auch verletztend dem Witzemacher gegenüber. (Und dann wäre ich vermutlich wieder die arme frustrierte und griesgrämige Behinderte gewesen, die sich mimosenhaft anstellt…)

  4. Pingback: Witze über Behinderung, was geht und was nicht? › Leidmedien.de - Über Menschen mit Behinderung berichten.

  5. Ja, Inklusion ist für alle und auch nichtbetroffene Menschen haben selbstverständlich das Recht, ihre Meinung kund zu tun. Das ist auch meine Einstellung – solange das auf Augenhöhe geschieht. Die Grenze sehe ich dort, wo Vorgaben gemacht werden, was „wir“ zu akzeptieren haben, und wenn ich mich im Netz umsehe, kommt der Text von Burmester offensichtlich bei vielen betroffenen Menschen negativ an. Ich spreche nicht für alle Menschen mit Behinderung, auch wenn ich den Begriff „wir“ verwende, daher setze ich ihn jetzt in Anführungsstriche.

    Ich kann Burmesters Text rein inhaltlich in weiten Teilen sogar zustimmen. Nur kann ich ihn im Gesamttenor nicht als konstruktiv bezeichnen und und er erschwert eine sachliche Diskussion. Mein „Tonfall“ ist die Antwort auf einen Text, der in sprachlicher Hinsicht recht herablassend wirkt und zudem „uns“ als Gruppe pauschal kritisiert. Es wäre sinnvoll gewesen, sich auf konkrete Zitate zu beziehen und Personen beim Namen zu nennen statt alle Menschen mit Behinderung als homogene Gruppe zu behandeln.

    Um Behindertenwitze geht es mir nicht so sehr. Natürlich sollte es zur Inklusion gehören, dass über Menschen mit Behinderung Witze gemacht werden können. Das Problem ist aktuell, dass diese Menschengruppe so oft mit (meist ungewolltem) respektlosem Verhalten konfrontiert wird und daher erst mal eine wertschätzende Haltung in der gesamten Gesellschaft die Basis sein sollte, bevor Witze gemacht werden. Bei der erwähnten taz-Satire war wohl auch das Problem, dass der Witz über die Behinderung eines Menschen mit einer negativen Kritik (nämlich die Ausstrahlung einer Fernsehreportage) gekoppelt war.

    Im Übrigen halte ich es für gewagt, VertreterInnen der Homosexuellen- und Feminismusbewegung in einen Topf zu werfen. Auch unter ihnen gibt es sehr unterschiedliche und differenzierte Meinungen. Ich arbeite seit Jahren mit VertreterInnen aus den Bereichen Queer und Gender Studies zusammen und nehme sie in erster Linie positiv wahr. „Radikale“ und „hetzende Stimmen“ gibt es überall, auch unter den „Behinderten“ und „privilegierten“ Menschen.

    Ich lege sehr viel Wert auf Kooperation mit Menschen ohne Behinderung und auf deren Meinung. Zum Glück kenne ich genügend, die „uns“ auf Augenhöhe begegnen. Die dürfen auch gerne Witze über „uns“ machen und ihre Meinung zur Inklusion ist ausdrücklich erwünscht, denn das geht in der Tat alle an. Aber Inklusion ist ein „Denken vom Letzten her“ (nach Klaus Dörner) und beginnt erst einmal „von unten“. Es ist auch so, dass die Meinung von betroffenen Menschen noch sehr von der der „privilegierten“ Mehrheit dominiert wird und diese dabei ihre stärkere Position ausnutzt, um sie durchzusetzen.

    P.S.: Ich muss hier die Kommentare immer erst freischalten, das mache ich aus Spamschutzgründen. Das kann manchmal etwas dauern.

  6. Ich finde Deinen Text ein wenig wiedersprüchlich.
    „Damit gehört sie zu den vielen Menschen, die nicht selbst von Behinderung betroffen sind, aber den betroffenen Menschen erklären möchten, wie Inklusion auszusehen hat.“
    „Inklusion ist keine Einbahnstraße. Inklusion muss von allen Seiten gelebt werden. Die Basis dafür heißt: Respekt. Fangen wir damit an. Alle.“
    Einerseits erkennst Du richtigerweise, daß Inklusion nur gemeinschaftlich funktioniert. Trotzdem beschwerst Du Dich darüber, daß Silke Burmester eine Meinung zu Inklusion hat und diese auch äußert. Im übrigen gibt es auch keinen Menschen, der nicht in irgendeiner Situation zur Minderheit gehört und auf inkludierendes Verhalten angewiesen ist. Somit gehört auch Silke Burmester zu den Menschen, die Inklusion in Anspruch nehmen und natürlich ist es ihr zu zu gestehen, daß sie eine Meinung hat und diese äußert.
    Ich kenne im übrigen Menschen, die nicht behindert sind, aber total schnell beleidigt sind, wenn man Witze über Gruppen macht, denen sie zugehörig sind. Das ist unterm Strich immer eine Frage der Persönlichkeit und des Charakters, weniger die Zugehörigkeit zu einer Gruppe wie z.B. Menschen mit Migrationshintergrund oder Menschen mit Behinderung.
    Das Problem mit dem Witz in der TAZ ist einfach, daß es ein Witz ist, der mit Beleidigungen arbeitet. Diese Art von Witzen funktioniert nur, wenn der Witz sehr gut ist, also wenn der Unterhaltungswert des Witzes die erlittene Beleidigung der Zielperson deutlich übersteigt. Das ist nicht gelungen, weil der Witz extrem plump und primitiv ist.
    Man kann die Wort von Silke Burmester sicherlich auf die Goldwaage legen. Man kann das von ihr verwendete „Ihr“ als eine unangemessene Vermengung ansehen, die Menschen in einen Topf schmeißt, die gar nicht homogen sind, man kann es aber auch als sprachliche Variante deuten, die die Direktheit der Ansprache erhöhen sollen. Man kann versuchen Frau Burmesters Anliegen nachvollziehen: eine Minderheit ist dann gut integriert, wenn es möglich ist, Witze über sie zu machen, ohne daß das in Peinlichkeiten oder Verletzungen endet. Man kann ihr aber auch unterstellen, sie wolle konsequenzlos beleidigen dürfen.
    Ich halte letzteres aber ehrlich gesagt für vermessen. Ich denke, die Behindertenbewegung sollte auf gar keinen Fall die Fehler der Feminismus- und der Homosexuellenbewegung wiederholen und mit unangenehmen Oberlehrerton überall rumnerven, wo das Thema Behinderung aufflackert. Menschen, die keine Behinderung haben, können nunmal nicht nachvollziehen, wie das ist, eine zu haben. Ich denke nicht, daß man von diesen Menschen pauschal verlangen kann, daß sie sich mit jeder Behinderung in einer Tiefe auseinandersetzen, die sie befähigt, jede beleidigende oder verunglimpfende Äußerung vorausschauend vermeiden zu können. Stattdessen muß es möglich sein, daß man sich auf Augenhöhe begegnet. Ich denke, der Text den Silke Burmester verfaßt hat, ist da völlig im Rahmen. Wenn man daran was auszusetzen hat, dann sollte man das in einem sachlichen Ton tun. Wenn man direkt mit einem „Die ist nicht behindert, die hat die Klappe zu halten!“ voranprescht, dann ist das meiner Ansicht nach nur noch schwer möglich. Vor allem hat das dann auch nichts mehr mit „Inklusion ist keine Einbahnstraße“ zu tun.

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