Die Macht der Sprache – oder: Wie unser Denken behindert wird

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In Zeitungen ist zu lesen, dass Menschen etwas „trotz Behinderung“ erreichen, dass sie „leiden“ würden oder dass sie „Superhelden“ seien. Die Internetpräzens Leidmedien hat es sich zur Aufgabe gemacht, solche sprachlichen Formulierungen im Journalismus aufzudecken. Ist das überzogen oder gerechtfertigt? Ich habe mir darüber ein paar Gedanken gemacht.

Leidmedien ging etwa Mitte 2012 online. Innerhalb von nur etwa eineinhalb Jahren hatte Leidmedien bei Facebook 3.503 Fans und bei Twitter 1.203 Follower (Stand: 21.10.2013). Es dauerte eine ganze Weile, bis ihre Empfehlungen die JournalistInnenlandschaft erreichten (hier eine PDF-Datei als Beispiel). Jetzt achten immer mehr MedienvertreterInnen auf ihre Wortwahl.

Nur am Rande: Amüsant in diesem Zusammenhang ist ein Artikel in der BILD, die ganz offensichtlich von Leidmedien abgekupfert hat und dabei eine Reihe klassischer journalistischer Fehltritte liefert. Ein Beispiel fällig?

In der Einleitung heißt es: „Ein guter erster Schritt ist: Sagen Sie nicht ‚Behinderte‘.“

Die Überschrift dieses Artikels lautet:

„Wie gehe ich richtig mit Behinderten um?“

In der sogenannten „Behindertenszene“ haben Leidmedien sich längst einen Namen gemacht. Betroffene Menschen decken sprachliche Patzer in den Massenmedien auf und teilen dies über Facebook und Twitter mit. Ein Beispiel von Danny Canal bei Twitter:

@SZ, das Begriff #taubstumm ist eine Diskrimierung, bitte auf gehörlos oder taub ändern, mehr Infos: http://t.co/zbnElMyytl @leidmedien (Quelle)

Gerade der Begriff Autismus wird in den Medien gern als Pfeilspitze benutzt. In Blogtexten von betroffenen Menschen wie autzeit, innerwelt, dasfotobus, Quer Denker und TageshausChaos wird Kritik am Missbrauch des Begriffs geübt (und das war nur eine kleine Auswahl an Links).

Trotzdem scheinen viele JournalistInnen trotz mehrmaliger Hinweise nach wie vor beratungsresistent zu sein. Das scheint ein Spiegel unserer Gesellschaft zu sein: Die Meinung der „behinderten“ Menschen wird nicht ernst genommen. Die Forderungen der betroffenen Menschen erscheinen überzogen, vor allem in Bezug auf Formulierungen, hinter denen keine böse Absicht steckt, z.B. die Verwendung des Wortes „Behinderte“ statt „behinderte Menschen“.

Dass die Sprachkritiken teilweise überzogen sind, meint auch Franz-Josef Hanke in seinem Blogtext „Menschen mit Benennungen: Wie Politisch Korrekte Sprache diskriminiert„:

„Angesichts der dadurch verbreiteten Furcht vor falschen Formulierungen führen viele Mitmenschen mittlerweile keine unvorbelasteten Gespräche mehr mit mir. (…) Statt ständig die Sprache ihrem Missbrauch anzupassen, sollten die Wortverdreher lieber den Ursachen dieser Diskriminierung nachgehen.“

Die Kritik ist nicht ganz unberechtigt. Aber Sprache ist mächtig und sollte achtsam eingesetzt werden – gerade in den Medien. Bei privaten zwischenmenschlichen Unterhaltungen zwischen Menschen können wir das entspannter sehen.

Vor einiger Zeit entdeckte ich den sehr lesenswerten Artikel „Sprache ist Denken –
Über den gedankenlosen Umgang mit Sprache
“ von Dr. Peter Radtke, verfasst bereits im Jahr 1994 und immer noch aktuell.

Früher hatte der Begriff „Krüppel“ eine neutrale Bezeichnung. Im Lauf der Zeit wandelte er sich zu einem Begriff mit negativer Konnotation. Heute findet der Begriff „Krüppel“ in der „Behindertenszene“ quasi ein Comeback und zwar in der Absicht, diskriminierende Sprache plakativ darzustellen, so wie bei der ersten Mad & Disability Pride Parade, die am 13. Juli 2013 in Berlin stattfand.

Radtke weist darauf hin, dass Sprache unser Denken beeinflusst. Genauer gesagt: Wenn wir bestimmte Begriffe mit Selbstverständlichkeit verwenden, verinnerlichen wir sie uns. Wenn wir von „Behinderten“ statt von „Menschen mit Behinderung“ sprechen, steht das Merkmal „Behinderung“ im Vordergrund und nicht mehr das Merkmal „Mensch“. In der Mehrzahl gesprochen („die Behinderten“) werden sie zudem praktisch vereinheitlicht. Diese subtil diskriminerenden Wörter sind problematischer als bewusst eingesetzte Schimpfwörter, weil sie viel häufiger benutzt werden – und damit unsere Gedanken in unbewusster Weise beeinflussen.

Sprache ist mächtig. Massenmedien wie Fernsehen, Radio und Zeitungen tragen eine große Verantwortung für unser Denken und unsere inneren Haltungen.

Wenn mir in einer persönlichen Unterhaltung eine unpassende Formulierung wie „taubstumm“ (statt „gehörlos“) begegnet, weiß ich, dass sie in der Regel nicht abwertend gemeint war. Aber wenn der Begriff „taubstumm“ in einem Zeitungsartikel zu lesen ist, ist das weitaus kritischer, weil ein Zeitungsbericht von sehr vielen Menschen gelesen wird und niemand korrigierend eingreifen kann.

Wenn ein Mitmensch in einer Unterhaltung unpassende Bezeichnungen verwendet, korrigiere ich ihn meistens nicht, sondern benutze in meinen Antworten die passenden Begriffe. Sagt mein Gegenüber also beispielsweise „taubstumm“ und „Zeichensprache“, verwende ich in meinen Antworten die Wörter „gehörlos“ und „Gebärdensprache“. (Es gibt allerdings Tendenzen, nach denen immer mehr gehörlose Menschen den Begriff „taub“ gegenüber „gehörlos“ bevorzugen.) Oft erlebe ich es, dass Mitmenschen diese versteckten Korrekturen registrieren und die passenden Begriffe übernehmen.

Mit diskriminierungsfreier Sprache allein wird noch kein Umdenken erreicht. Aber wenigstens ein Nachdenken und damit vielleicht auch ein Überdenken der eigenen Haltung?

In diesem Sinne: Am Donnerstagabend, 24. Oktober 2013, gibt es in Berlin im Deutschen Institut für Menschenrechte eine Lesung mit Ninia Binias und Lilian Masuhr zum Thema „Leidmedien.de: Ein Streifzug durch die behindernde Sprache„.

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