Barrierefreiheit mit Barrieren

Ist Ihnen der Text unten zu lang? Hier können Sie ihn als Zusammenfassung lesen.

Im Zeitalter der UN-Behindertenrechtskonvention ist der Begriff „Barrierefreiheit“ sehr beliebt: Es werden barrierefreie Gebäude gebaut, Veranstaltungen sind barrierefrei, barrierefreie Kinofilme werden gezeigt, irgendwo findet ein barrierefreies Festival statt, es gibt barrierefreie Internetseiten mit barrierefreien Videoclips und barrierefreien Podcasts.

Bei näherer Betrachtung zeigt sich aber, dass die Barrierefreiheit sich stets nur auf einzelne Aspekte beschränkt. Wenn ein Gebäude als barrierefrei bezeichnet wird, ist damit meist nur die Rollstuhlgerechtigkeit gemeint. Es fehlen aber z.B. Wegleitsysteme für sehbehinderte und blinde Menschen, Hörsäle haben keine Induktionsschleifen für Menschen mit Hörhilfen und Wegweiser sind nicht verständlich für Menschen mit Lernschwierigkeiten.

Werden barrierefreie Videoclips gezeigt, dann bedeutet das in der Regel, dass sie über Untertitel verfügen oder dass GebärdensprachdolmetscherInnen eingeblendet sind, aber beides zusammen wird in der Regel nicht präsentiert. Vielmehr wird davon ausgegangen, dass alle schwerhörigen, gehörlosen und ertaubten Menschen der Schriftsprache bzw. der Gebärdensprache gleichermaßen mächtig sind. Eine gern vergessene Gruppe sind sehbehinderte und blinde Menschen, die auf Audiodeskriptionen angewiesen sind.

Werden im Internet barrierefreie Podcasts zur Verfügung gestellt, so sind sie in der Regel für alle sehenden und blinden Menschen mit intaktem Hörvermögen zugänglich. Dafür fehlen Mitschriften in Textform für Menschen, die ihren Hörsinn nicht oder nur eingeschränkt nutzen können.

Barrierefreie Internetseiten sind beispielsweise zugänglich für blinde Menschen und bieten Gebärdenvideos an, sind aber oft nicht in Leichter Sprache. Sie sind außerdem für manche psychisch erkrankte und autistische Menschen problematisch, weil die optische Gestaltung zur Reizüberflutung führt.

Wenn Veranstaltungen als barrierefrei bezeichnet werden, beinhaltet das meist den Einsatz von GebärdensprachdolmetscherInnen und/oder SchriftmittlerInnen und vielleicht können auch Menschen im Rollstuhl den Raum nutzen. Aber das war es dann schon. Werden Vorträge gehalten und dazu bebilderte Powerpointpräsentationen gezeigt, kann davon ausgegangen werden, dass die Referierenden die sehbehinderten und blinden Menschen vergessen, die auf Bildbeschreibungen angewiesen sind. Nicht nur das, Bilder an der Leinwand sind auch für Menschen ohne Sehprobleme häufig nicht gut erkennbar. Vielen Referierenden fehlt der Mut zu einem ausreichend großen Schriftbild und sie stopfen in ein Leinwandbild zu viele Deteils, so dass Bildbeschreibungen im Endeffekt den meisten Anwesenden nutzen. Videoclips werden auch nur in den seltensten Fällen barrierefrei präsentiert. Von Vorträgen besonders ausgeschlossen werden Menschen mit Lernschwierigkeiten, die auf Leichte Sprache angewiesen sind. Immerhin gibt es immer mehr Veranstaltungen, die einzelne Vorträge in Leichter Sprache anbieten oder sogar durchgängig in Leichter Sprache stattfinden.

Was auch gern übersehen wird, ist das „Drumherum“ der barrierefreien Angebote, z.B. von Veranstaltungen. Die Notwendigkeit der Barrierefreiheit beschränkt sich nicht nur auf die Räumlichkeiten und die Durchführung der Veranstaltung. Sie betrifft bereits die Öffentlichkeitsarbeit via E-Mail und Post, Anmeldeformulare, Wegbeschreibungen, den Weg vom Bahnhof zum Veranstaltungsgebäude, Unterbringungs- und Freizeitmöglichkeiten in der Umgebung, die Infrastruktur, aber auch die persönliche Anmeldung an der Theke, die Gestaltung der Kaffee- und Mittagspausen, barrierefreie WCs und Vieles mehr. Gute Handreichungen und Checklisten zur Ausrichtung von barrierefreien Veranstaltungen gibt es übrigens bei K Produktion (externer Link).

Als ich letztes Jahr mit meinen Kolleginnen und Kollegen eine zweitägige Veranstaltung ausrichtete, die möglichst barrierefrei sein sollte, stießen wir schon bei den Planungen an zahlreiche Grenzen. Das moderne Veranstaltungsgebäude, das als besonders barrierearm galt, zwang Menschen im Rollstuhl, die vom Bahnhof anreisten, zu einem riesigen Umweg um das Gelände, um den Eingang stufenlos zu erreichen – unser Gebäude ist diesbezüglich leider keine Ausnahme. Die Veranstaltung fand im am besten ausgestatteten Raum im zweiten Stock statt, aber Kaffee- und Mittagspausen mussten aus platztechnischen Gründen im Erdgeschoss stattfinden, ungünstig für alle Menschen, die keine Treppen nutzen konnten, da nur ein einziger Lift vorhanden war (der in diesen Tagen glücklicherweise funktionierte).

Im Grunde wird der Begriff „Barrierefreiheit“ regelmäßig missbraucht. Sinnvoller ist die Bezeichnung „weitgehend barrierefrei“ oder „barrierearm“. Noch besser ist es, auf diesen Begriff zu verzichten und konkrete Angaben zur Art der Barrierefreiheit zu machen, z.B.

  • dass die Räumlichkeiten inkl. WC rollstuhlgerecht sind,
  • dass GebärdensprachdolmetscherInnen anwesend sind,
  • dass die Vorträge von Frau Müller und von Herrn Maier in Leichter Sprache angeboten werden
  • undsoweiter.

Während ich das hier schreibe, wird mir auch bewusst, dass mein Text nicht barrierefrei ist. Er ist nicht in Leichter Sprache, es gibt kein Gebärdenvideo und ich weiß nicht, ob blinde Menschen sich in meinem neu eröffneten Blog zurechtfinden…

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7 Gedanken zu „Barrierefreiheit mit Barrieren

  1. Noch ein barrierefreies Feature (sogar kostenlos zu haben): Veranstaltungen aller Art auch dann rauchfrei organisieren, wenn es nicht gesetzlich vorgeschrieben ist. Wichtig für etliche Menschen mit Allergien, Asthma, Augenkrankheiten.

  2. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Hallo, ich bin Eva, bitte nehmt Platz – Die Blogschau

  3. Pingback: “Barrierefreiheit”, Zelda und die Probleme eine weibliche Figur zu animieren

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